Allmachtsträume und ‚Aberglauben’ in der Wissenschaft
Der menschliche Wunsch, das eigene Schicksal zu kennen und, mehr noch, es günstig zu beeinflussen, ist so alt wie die Kulturgeschichte. Die Konstellation der Sterne, das Zucken der Blitze, die Eingeweide geopferter Tiere oder das Rauschen im Heiligen Hain, das alles sollte Licht in das unerträgliche Dunkel des Bevorstehenden bringen. Dann war zu hoffen, durch kluges Verhalten oder durch magische Beschwörung der Götter das Schlimmste abzuwenden.
Die Aufklärung legte alle diese Versuche als Aberglaube bloß und definierte ihn als pure Unwissenheit, die es mit exaktem Wissen zu beseitigen galt.
Die Konzentration auf das Unwissen brachte aber nur die eine Quelle des Aberglaubens zum Bewusstsein. Die andere, den Willen zur Schicksalsbemächtigung, übernahm man gewissermaßen unter der Hand. Die Proklamation Francis Bacons als Begründer der modernen Naturwissenschaft, das Wissen sei Macht, schloss die Zuversicht ein, eines Tages werde es dem wissenschaftlichen Fortschritt gelingen, die Launen der Natur zu überlisten und die Lebensvorgänge zu perfektionieren.
Über 300 Jahre später, nach dem triumphalen Siegeszug der Naturwissenschaften, definierte Karl Jaspers den Aberglauben neu: Als die Flucht aus der existentiellen Spannung der Ungewissheit in die Täuschung des endgültigen Wissensbesitzes. [1]
So besehen sind nicht nur die eingefleischten Leser und Leserinnen von Horoskop-Spalten in den Tageszeitungen, die darin Heil oder Frohbotschaft gegen ihre tägliche, existentielle Angst suchen, die Abergläubigen von Heute. Sondern betroffen davon sind zusehends die allzu selbstgewissen Naturwissenschaftler mit ihrer Selbstherrlichkeit und Allmachtsträume.
Der Wiener Naturwissenschaftler und Erfinder der „Pille“, Carl Djerassi, beleuchtet in seinen „Science-in-fiction“ Büchern genau diese Ingredienzien der „Stammeskultur“ der Wissenschaftler und die persönlichen Konflikte, die sich daraus ergeben, und will damit nicht nur eine Brücke zu einem breiteren Publikum schlagen, sondern auch und vor allem ein schärferes Bewusstsein für diese Problematik bei wissenschaftlichen Laien schaffen, oder wie er es selbst nennt: in deren Köpfen ‚schmuggeln’. Er nennt das Genre „Science-in-fiction“, was nicht zu verwechseln ist mit Science-Fiction.
Aber lassen wir ihn selbst sprechen. Eine Leseprobe aus Carl Djerassi’s Buch: „NO“ [2]:
Im Moment hat es für mich wenig Sinn, an meinen NONOaten weiterzuarbeiten, ehe wir die Wirksamkeit von NONO-1 und NONO-2 im MUSA-Applikator nachgewiesen haben. Professor Davidson ist bereit, den Startschuß für klinische Erprobungen zu geben, sobald die Subakut-Toxikologie abgeschlossen ist, was kurz nach Purim der Fall sein müßte. Bei Ratten funktionierte die akute LD50-Toxikologie prächtig: Sie gähnten und erigierten völlig problemlos, bis absolut riesige Dosen verabreicht wurden – woraufhin sie, wie Mordechai Rubin meinte, „lächelnd starben“. (S. 83)
Machtausübung im herkömmlichen Sinn beginnt mich zu langweilen. Einen Teil dieser Macht einer Führungskraft habe ich bereits an David Warbler abgegeben, zunächst unbewußt, in letzter Zeit aber ganz gezielt. Sein Hunger danach wächst etwa in dem Maße, in dem meiner nachläßt. Die Macht, die ich bis jetzt noch behalten habe, ist die Verantwortung für alle F&E-Aktivitäten bei SURYA. Aber was mir heute abend klar wurde, ist, daß selbst damit Schluß sein sollte; daß die Zeit für eine Wiedergeburt gekommen ist. Wenn mir das gelingt, werde ich alle Macht erworben haben, die ich mir jetzt ersehne. (S. 326)
Der Fachwelt ist der heute 78-jährige emeritierte Professor für Chemie an der Stanford University ein Begriff:

Geboren 1923 in Wien, musste er 1938 aus Österreich fliehen. Er hat nicht nur die Antibabypille erfunden, sondern auch den Wirkstoff Cortison entwickelt, Schimpansenforschung betrieben, die chinesische Regierung hinsichtlich der Eindämmung der Bevölkerungsexplosion beraten und mehr als 1200 naturwissenschaftliche Publikationen und Monographien verfasst und ist einer der wenigen amerikanischen Naturwissenschaftler, denen sowohl die „National Medal of Science“ als auch die „National Medal of Technology“ verliehen wurde.
Sein Schicksal als Immigrant hat eine nicht unbeträchtliche Ähnlichkeit zu dem von vielen von uns:
„Teilweise fühle ich mich natürlich als Amerikaner, fast völlig. Aber trotzdem weiß ich, dass das nur eine Illusion ist. Ich habe mich nie irgendwo völlig zu Hause gefühlt. Ich lebe in San Francisco, ich lebe in London. Ich bin aber in allen Ländern doch ein Ausländer, besonders auch in Amerika, wo sie mich immer für einen Ausländer halten. Man fragt mich: ‚Woher kommen Sie?’ Ich sage: ‚Aus San Francisco’. Und dann fragen sie: ‚Und vorher?’. Am Ende ist es immer Wien, woher ich komme.“
Aber: „Wenn ich nicht aus Wien weggegangen wäre, wäre ich mit Sicherheit ein typischer Wiener geworden, ein assimilierter jüdischer Arzt, der wahrscheinlich mehr wienerisch als die Wiener geworden wäre. Ich kann nur sagen, leider oder Gott sei Dank ist das nicht passiert.“
Und diese Lebenserfahrung mündet in die Überzeugung, dass: „Sich für einen Bürger eines Landes zu halten, ein Luxus ist, teilweise sogar schlecht, da Sie natürlich immer eine Perspektive haben, die sich total auf Ihr Land konzentriert, auf Ihre Kollegen, auf Ihre Familie, und man vergisst, wer die anderen Menschen sind.“
Das Lesen seiner Bücher ist sicherlich eine Bereicherung für alle Technik und Wissenschaft interessierten Menschen.
Quellen und weiterführende Links:
[1]: Schweizer Zeitschrift „DU“, Ausgabe Februar 1999, Artikel: Allmachtsträume und Aberglauben in der Wissenschaft von Carola Meier-Seethaler
[2]: NO. Roman. Djerassi, Carl. Übers. a. d. Amerikan.: Mössner, Ursula-Maria. Verlag: Haffmans 1998 Zürich. ISBN 3-251-00391-7
www.djerassi.com/ (Carl Djerassi’s offizielle Homepage)